Was geht im Hirn von Terroristen vor? Jan Ilhan Kizilhan behandelt sowohl Islamisten als auch ihre schwerst traumatisierten Opfer. Der Mensch könne seine Empathie einfach ausschalten, sagt er, und die religiöse Prägung entscheide mit, ob er das tue.

Judith Blage 11.11.2023, 05.30 Uhr

Ein Mann läuft weinend mit seiner Tochter aus einem vom Islamischen Staat kontrollierten Teil Mosuls im Irak den rettenden Soldaten entgegen. Das Bild wurde am 4. März 2017 aufgenommen.

Goran Tomasevic / Reuters
Herr Kizilhan, Sie haben Tausende jesidische Frauen, die vom IS versklavt und vergewaltigt wurden, nach Deutschland geholt und dort psychologisch behandelt. Doch Sie besuchten auch IS-Täter in irakischen Gefängnissen. Auch jetzt am 7. Oktober haben Terroristen bestialische Verbrechen an Frauen und Kindern verübt. Was sind das für Menschen, die das tun? Sind sie krank?

Jan Ilhan Kizilhan ist Psychologe und Professor für transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen. Er hat ein Zentrum für Traumatherapie im Irak aufgebaut, Tausende schwer misshandelte Jesidinnen nach Deutschland geholt und therapiert. Er betreibt Extremismus- und Genozidforschung, ausserdem ist er Islamwissenschafter und Autor von mehreren Büchern wie «Die Psychologie des IS».
Imago

Jan Ilhan Kizilhan: Ich habe nicht nur Terroristen in irakischen Gefängnissen und Deutschland besucht und begutachtet, sondern wir behandeln sie auch. Ausserdem betreibe ich Extremismusforschung, um zu verstehen, warum Menschen plötzlich in der Lage sind, Kinder zu töten, Frauen zu vergewaltigen und Massaker zu verüben – und das auch noch zu filmen. So schwierig es zu verstehen ist: Aufgrund meiner Erfahrungen mit dem IS und anderen radikalen Gruppen gehe ich davon aus, dass diese Menschen keine pathologischen Züge haben.

Was kann einen gesunden Menschen in die Lage versetzen, kleine Kinder abzuschlachten und das für moralisch richtig zu halten?

Die Islamisten, die ich getroffen habe, waren überwiegend gesunde Menschen, die mit ihrer Ideologie das legitimieren, was sie taten. Natürlich gibt es immer individuelle Faktoren. Sicher haben persönliche Gewalterfahrungen oder Missbrauch einen Einfluss darauf, ob sich jemand leichter radikalisieren lässt als andere. Hinzu kommen soziokulturelle Einflüsse: Die Palästinenser haben es historisch nicht leicht gehabt, wurden von ihren islamischen «Brüdern» im Stich gelassen, und die Bevölkerung hat viel Leid erlebt.
Und das macht einen Menschen zu einem brutalen Terroristen?
Die Hamas hat im Gazastreifen die absolute Macht, sie kontrolliert die Schulinhalte, die Kindererziehung. Diese Menschen wachsen in einer archaischen, patriarchalen Kultur auf, in der Blut, Verwandtschaft und das Kollektiv eine grosse Rolle spielen. Wurde einmal ein Verwandter getötet oder starb er als Märtyrer – so haben sie gleich fünf oder sechs weitere potenzielle Märtyrer aus der Familie, die bereitstehen, um ihn zu rächen. Junge Menschen dort haben wenige Perspektiven auf Erfolg im Leben – und dann gibt es den Ausweg Märtyrertum.
Also werden die jungen Männer als Märtyrer plötzlich wichtig?
Wenn die jungen Männer sterben sollen für die Gemeinschaft, dann werden sie herumgezeigt, bejubelt, von allen geküsst und umarmt. Die Mütter sind stolz, sie brechen in öffentliche Freudenrufe aus über ihren Heldensohn. Ja, das alles sind Faktoren, die beeinflussen, ob ein Mensch solche Taten begeht und für sich legitimieren kann.
Das reicht aus, um zum Massenmörder zu werden?
Grundsätzlich gilt: Menschen töten, weil sie töten können – wenn Raum und Möglichkeiten gegeben sind. Schon immer, seit Menschengedenken. Dass Menschen grausam sein können, gehört zu ihrer Grundausstattung. Die Kultur, der Grad an gesellschaftlicher Entwicklung, hegen die potenzielle Bösartigkeit des Menschen ein. Wenn Sie erlauben, möchte ich zunächst ein paar Dinge zum Islam sagen, damit ein paar Hintergründe besser verstanden werden können.
Bitte gerne.

Der Islam war nie eine friedvolle Religion, wie es heute viele glauben möchten. Es gab laut den Schriften zwei Phasen in der Entwicklung: Mohammed war zunächst in Mekka theologisch mit sich beschäftigt und hatte dabei viel Inspiration aus dem Christentum und dem Judentum. Doch dann musste er nach Medina fliehen, und in dieser Phase liegt die Legitimierung von Gewaltanwendungen an Ungläubigen begründet. Hier war es aus Sicht des Islam rechtens, Zwangskonvertierungen durchzuführen, zu töten und zu vergewaltigen. Die Muslime in der Mehrheit sind friedlich, nicht aber der Islam. Diese Phase in Medina hat noch heute Einfluss auf die theologische Sichtweise. Denn anders als im Christen- und im Judentum stoppten radikale Gruppen Veränderungsprozesse, wenn die Religion angepasst werden sollte an moderne Zeiten.

Aber auch die Geschichte des Christentums und die Bibel strotzen ja nur so vor Gewalt – was ist mit den Kreuzzügen und den Hexenverbrennungen? Trotzdem würde ein durchschnittlicher Mensch in der Schweiz heute diese Dinge ja nicht mehr gutheissen.
Das Christentum ist nicht besser. Doch wir berufen uns nicht mehr darauf im wörtlichen Sinn, und das liegt an bestimmten gesellschaftlichen Meilensteinen und einer jahrhundertelangen Aufarbeitungskultur. Die westliche Welt hatte Gutenberg, die Reformation, die Aufklärung. Und dann die grosse Errungenschaft: die Trennung von Religion und Staat, die Gewaltenteilung. Gewalt darf nur durch den Staat ausgeführt werden, mit dem Ziel, Gewalt zu reduzieren. Das und auch der Individualismus haben zu den universalen Menschenrechten geführt. Auf diese Grundwerte haben sich Menschen in den westlichen Ländern im Grossen und Ganzen geeinigt – einige grosse Regressionen und Rückschritte inbegriffen, wie den Nationalsozialismus.
Und diese Meilensteine fehlen in islamischen Gesellschaften?

Wenn Neuerungen notwendig gewesen wären, kam es zu grossen Brüchen, kaum jedoch zu Modernisierungen. So entwickelten sich diese vielen verschiedenen Glaubensrichtungen: Die Aleviten, die Sunniten, die Schiiten und so weiter sind zutiefst gespalten, es gibt grosse innere Kriege in der islamischen Welt – da ist der Westen seit etwa 150 Jahren ein willkommener Gegner von aussen, der hilft, die Muslime zu einigen und mit den inneren Konflikten besser umgehen zu können. Auch als Reaktion auf den Kolonialismus des Westens und die erlittene Demütigung kamen der arabische Nationalismus und die Muslimbruderschaft auf. Aber im Inneren der arabischen Gesellschaften kam es nie wirklich zu fruchtbaren Veränderungsprozessen – und so können Islamisten heute noch moralische Werte aus dem Jahr 632 nach Christus legitimieren, die andere Gruppen entmenschlichen und es erlauben, dass sie ihre Empathie einfach ausschalten können bei Bedarf.
Also haben westliche Gesellschaften den moralischeren Menschen hervorgebracht?

So einfach ist das nicht. Ich gebe Ihnen eine Garantie: Wenn in Zürich morgen aus welchen Gründen auch immer eine Diktatur entstünde, wären mindestens 30 Prozent der Einwohner, wohlsituierte Anwälte und Ärzte, sofort in der Lage zu foltern, zu schlagen, zu demütigen. Die grosse Mehrheit der Menschen kann mindestens in Extremsituationen töten. Deshalb ist es ja so gut, dass wir uns moralisch und philosophisch weiterentwickelt haben, um das einzudämmen. Aber viele Menschen im Westen befinden sich noch immer in einem Dornröschenschlaf und merken nicht, dass diese Werte bedroht werden – vom Islamismus. Die Zivilisation und die Demokratie sind brüchig, es können Regressionen auftreten, die Gewalt und den Rechtsradikalismus wieder aufleben lassen. Umso mehr gilt es für die Demokratie in Europa zu kämpfen.
Sie sind sehr abgeklärt über die Natur des Menschen. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie Menschen mit ihren grausamen Taten leben – zum Beispiel wurde in Israel einer Schwangeren der Fötus aus dem Bauch geschnitten und dann erdolcht. Setzen sich die Täter danach gemütlich an den Mittagstisch und essen einen Apfel?

Wissen Sie, die Banalität des Bösen ist kein leerer Spruch. Ich habe mit dem Henker von Rakka gesprochen. Er hat täglich mehreren Menschen auf dem Marktplatz den Kopf abgehackt. Ich fragte ihn naiv, wie das denn so sei. Er sagte mir, er habe Angst gehabt – aber nicht davor, einen Menschen zu töten oder ihn zu quälen oder so etwas, sondern er machte sich Gedanken, dass seine Schläge nicht präzise genug seien und dass dann die Menge über ihn lachen könne. Er war froh, wenn er das alles ordnungsgemäss erledigt hatte. Abends ging er zu seinen zwei Kindern nach Hause und machte sich Sorgen, wenn sie krank waren. Er konnte seine Empathie, die er mit den Kindern hatte, bei den Opfern ausschalten, weil er die Verantwortung an die Religion auslagerte. Er tat aus seiner Sicht das Richtige, er befreite die Welt von Ungläubigen. Es ist das gleiche Phänomen wie bei den Nazis: Menschen sind nur noch Objekte, sie haben kein menschliches Gesicht mehr, deshalb kann man sie töten.

Haben Sie auch Terroristen getroffen, die bereuten und die es quälte, was sie taten?

Da gibt es ein interessantes Phänomen. Wir haben eine Studie gemacht mit Soldaten in der Türkei, die viele PKK-Kämpfer grausam getötet haben, ihnen zum Beispiel als Trophäe Nasen und Ohren abgeschnitten haben. Ungefähr 40 Prozent von ihnen entwickelten später, in einer Ruhephase, eine posttraumatische Belastungsstörung. Wie ihre Opfer sind sie in ständiger Alarmbereitschaft und werden von Erinnerungen überwältigt. Das sind meiner Erfahrung nach aber nur diejenigen, die Zweifel an der Moralität ihrer Tat zulassen und nicht so gefestigt in ihrer Ideologie sind. Die Mehrheit aber hält an ihrer Ideologie fest, bereut die Taten nicht – und wird auch nicht krank. Ich habe das in einigen Fällen fast als eine Art Abwehrmechanismus verstanden. Denn würden sie anfangen, zu zweifeln, würden sie sich selbst danach vielleicht nicht mehr aushalten.
Mit welchen religiösen Werten sind Sie selbst aufgewachsen?

Meine Eltern sind Jesiden aus der Türkei, meine Vorfahren waren fast achthundert Jahre lang auf der Flucht – bis meine Eltern in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Als sie vor über fünfzig Jahren herkamen, haben sie von Anfang an hier ihre Zukunft gesehen und uns nicht religiös erzogen. Sie legten grössten Wert auf Bildung – darüber bin ich froh.